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Auszug aus:

"Roman und die Sache mit der Liebe"
Roman, Verlag Videel   7,80 Euro



Kapitel 1:
Roman erreichte den Bahnhof. Die in regelmäßigen Abständen aufgestellten Laternen, in deren hellem Schein die vom Himmel herabfallenden, kleinen Flöckchen sichtbar wurden, legten eine künstlich erzeugte Helligkeit über das Gelände.
Eine der Laternen war leicht defekt. Sie warf für wenige Sekunden Lichtkegel auf den Erdboden, um im nächsten Augenblick das Abstrahlen ihrer Leuchtkraft zu verweigern und völlig ihren Schein zu verlieren. In diesem Wechselspiel aus Licht und Dunkelheit sah Roman ein junges Mädchen stehen. Sein Blick focusierte sich auf sie, grenzte alles aus, was um ihn herum paßierte.
Die Menschen, die ihn umgaben, nahm er lediglich schemenhaft, wie verschwommene Konturen am Rande stehender Figuren wahr. Die Stimmen der Menschen entfernten sich, zu Sätzen formulierte Worte, die seine Gehörgänge erreichten, wurden bedeutungslos.
Roman spürte vitalisierende Energie, die wie ein gleichmäßiger, warmer Strom durch seine Adern floß, sein Herz pochte heftiger, die Knie wurden schwach und zwei kleine Bächlein bahnten sich ihren Weg von den Achseln an den Brustwarzen vorbei und vereinten sich im Bauchnabel.
Er atmete tief durch. Die Zeit schien für den Moment stillzustehen. Roman wußte in diesem Augenblick, was die Menschen meinten, wenn sie von Liebe auf den ersten Blick sprachen.
Er stellte sich neben sie und versuchte, den ersten Blickkontakt herzustellen. Als die Laterne aufleuchtete, schaute sie kurz auf.
Ihre dunkelbraunen Augen, in denen sich die Sehnsucht der ganzen Welt zu vereinen schien, funkelten wie zwei geschliffene Rohdiamanten. Roman war vom Erscheinungsbild des Mädchens fasziniert.
Die Laterne legte ihre stockdunkle Schattenseite über das Haupt des Mädchens und gab beim nächsten sich Erhellen Roman die Möglichkeit, sich ihre Kleidung genauer vor Augen zu führen.
Sie hatte einen den 80er Jahren angemeßenen Kleidungßtil, trug Turnschuhe, eng anliegende Röhrenjeans und einen etwas faltigen blauen Mantel, der bis zum Schaft ihres bequemen Schuhwerks reichte.
Ein mutiges "Hallo" wäre jetzt angebracht gewesen, wollte jedoch nicht über Romans Zunge rollen.
Die Laterne wiederholte ihr Spiel so lange, bis der Fahrtwind des einfahrenden Zuges dem kurzen braunen Haarschopf des Mädchens eine neue Frisur spendierte.


Kapitel 4:
Der Frühling kam, streifte sein buntes Kleid über die karge, reduzierte Winterlandschaft, und ließ den Sommer folgen.
In den Gärten blühten Gartenringelblumen mit der Farblichkeit des gelben Söckchenanteils der strammen Beine von Borussia-Dortmund-Kickern, Zinnien mit dem ungewöhnlichsten aller Farbtöne, Chartreusegrün, Löwenmäulchen mit offenen Blüten, die man als "Schmetterlinge" bezeichnete, weil die Kelchblätter nicht mehr zuschnappten, Nemesien, deren lockere Zartheit es zu bewundern galt, die Bechermalve, deren schimmernden Weißes Leuchtkraft sie so ergiebig machte, Stiefmütterchen mit nachtschwarzen Blüten, die mit "Molly Sanderson" den Namen eines pubertierenden englischen Teenagers mit Rubensfigur trugen, Astern, die außahen wie ein vor Funken nur so sprühendes Silvesterfeuerwerk, Primeln, von denen man nicht wußte, ob sie irgendetwas mit jenen in Lucilectrics "Mädchen" besungenen gemein hatten, weißer Flieder, der naturgemäß wieder blühte, Tulpen, die den langen Weg aus Amsterdam auf sich genommen hatten und rote Rosen, die Engelbert Humperdinck abzwicken und seiner Lady schenken konnte.


Kapitel 8:
In den dicht aneinandergereihten Miniausgaben von Kneipen saßen durstige Männer mit fettigem Haar und Bierbauch und rauchende Frauen mit üppigem Vorbau, deren Gelächter die eine oder andere Zahnlücke freigab.
Roman wollte kurz den Musikladen betreten, der die angesagtesten Scheiben auf Lager hatte, Kay untersagte es ihm jedoch mit einem Blick auf die Uhr. Der durchgestreckt erhobene Zeigefinger und der geknickte Daumen seiner linken Hand zeigten an, daß der Unterricht um 13.30 Uhr begann und keine Zeit mehr blieb, sich über die neuesten Platten zu informieren.
Sie liefen weiter. Es folgten ein Blumenfachgeschäft, das mit "Zum dornigen Röschen" einen höchst ausgefallenen Namen hatte, ein Sportfachgeschäft, in dessen Schaufensterauslage jene Tennisschläger lagen, mit denen Boris Becker in Wimbledon die Gegner aus seinem Wohnzimmer fegte und eine akademische Einrichtung für gepflegte Biertrinker.

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